Kurz über mich und warum ich diesen Post verfasst habe

Ein paar Worte vorweg. Wer sich auf ein Jolla Phone einlässt, sollte dies sehr bewusst machen. Meine Begeisterung bezieht sich vor allem auf Elemente, die die erweiterten Eigenschaften ausmachen. Wir haben bei den mobilen Smartphone Betriebssystemen leider eine viel zu kleine Auswahl. Kommerziell bedeutsam in Europa sind (fast) nur Android und iOS, beide Systeme werden in den USA entwickelt. Gerade Donald Trump zeigt, dass er keine Hemmnisse hat, Informationen gegen jede*n einzusetzen, die/der den eigenen Interessen zuwider handelt (siehe internationaler Gerichtshof für Menschenrechte). Das Betriebsystem eines Telefons ist der zentralste Punkt, wenn es um den Umgang mit den Daten geht. Beobachten wir iOS und die Hersteller, die mit Android hantieren, wird möglichst alles in die Cloud gesendet: Gesichter auf Fotos analysiert, Beziehungsnetzwerke angelegt, Zahlungsdaten und Gesundheitsdaten gesammelt. Datenstrukturen, die sich selbst Orwell so nicht ausmalen konnte. Die Wissensmacht, die diesen Unternehmen gegeben ist, ist beängstigend.
Vor diesem Hintergrund sind erstmal alle Bestrebungen etwas zu formen, diese Wissensmacht einzuschränken, wirklich unterstützenswert. Ob es jetzt ein gehärtetes entgoogeltes Stockandroid ist oder eben ein eigenständiges OS. Alle Projekte haben Aufmerksamkeit und Unterstützung verdient. Ich werde mich nicht daran beteiligen andere Ansätze in den Boden zu kritisieren, alle Ansätze haben ihre Berechtigung.
Und hier können wir dann wieder zum Jolla Phone springen. Zu den Spezifikationen würde ich mich an dieser Stelle auch nicht einlassen, auch diese sind ausreichend beschrieben.
Das Jolla Phone, am Day1 ausgeliefert, kommt als Erstes mit der Version 5.2 von Sailfish OS. Direkt am Day1 noch mit OTA Update versehen. Es ist also bis zu letzt noch an der Software gefeilt worden. So hat der Browser, der bei SailfishOS schon lange ein Problemkind ist, eine aktuellere Firefox Engine ESR115 statt ESR91 erhalten. Viele Websites meldeten bei dem Browser, dass dieser nicht mehr aktuell sei und/oder dass dieser nicht mehr unterstützt wird. Dieses Problem hat sich durch den Sprung nicht gänzlich behoben, aber deutlich gebessert. Auch die elendig langen Ladezeiten des Browsers haben sich jetzt gebessert. Ja, ich finde er lädt jetzt so schnell wie andere Browser auf Chromium basierend auch. Grundsätzlich besteht die Möglichkeit statt den SailfishOS eigenen Browser einen Androidbrowser der Wahl zu nehmen. Probleme waren also immer unschön, aber nicht dramatisch. Hier hat man einem langen Kritikpunkt etwas entgegen setzen können.
Das was für einige ein k.o. Kriterium ist, zieht eine andere Zielgruppe besonders an. Diejenigen die sich ihr Telefon am Liebsten selbst optimieren. Das Phone ist eine offene Spielwiese, an der sich quasi alle Freiheitsgrade mit wenigen Einstellungen erlangen lassen. Das ist so gewollt und Kern des Produktes. Ich selbst habe keinerlei Programmierkenntnisse und stehe als Anwender einfach oft fasziniert am Spielfeldrand zuzuschauen, was einige so anstellen. Manch ein Krümel fällt dann auch einmal für mich selbst ab.
Das Konzept „The Other Half“ (TOH) ist als eine offene Einladung an diese Zielgruppe gedacht, hier das Zepter zu übernehmen und eigene Erweiterungsmodule für das Telefon zu entwickeln. Der Startschuss ist gegeben. Und wenn auch hier wieder Krümel für mich abfallen, macht es mich genauso glücklich. Wir werden sicher schon in naher Zukunft TOH für kabelloses Laden (bei limitierter Ladeleistung), Kamera Schutzbügel oder Meshtastic sehen. Aber auch Aufsätze mit einem Display für Navigation auf Radtouren oder Wanderungen bei nochmal mehr akkuschonenden Verbrauch oder, oder, oder. Wenn das Thema Feuer fängt, dann können hier tolle Dinge entstehen.
Einige Funktionen, die man bei einem regulärem Smartphone schon für selbstverständlich hält, gibt es bei SailfishOS aber (noch) nicht. Da wären z.B.: WLAN Call, eSim, Sprachassistenten, Mobile Payment, Carplay etc. Eine solche Funktion bei der man ungläubig angeschaut wurde, wenn man es erzählte, war aber zum Beispiel auch Emergency Broadcast.
Die Funktion, die das Handy bei einem Katastrophenalarm oder Warntag laut losrattern lässt. Zum Teil gab es stille Texteinblendungen oder eben gar nichts. Das neue Jolla Phone hat jetzt aus dem Nichts ein Menü für diese Alarme. Das ist typisch für einen Prozess bei Jolla.
Der Bedarf, was notwendig wäre zu entwickeln, wird von Nutzer*innen hauptsächlich im Forum und auf regelmäßigen Chat Konferenzen mit Jolla artikuliert. In der Regel äußert sich niemand bei Jolla mit konkreten Plänen, ob oder wann ein Feature kommt. Aber zu irgendeinem Zeitpunkt kommt dann neue Funktionen unverhofft. Viele sind genervt, von dem sich nicht äußern. Aber ich kann schon verstehen, dass man keine Erwartungen wecken möchte, die am Ende vielleicht nicht eingehalten werden könnten. Die Basis auf der man personell in den letzten Jahren überhaupt weiter entwickeln konnte, ist immer sehr knapp gewesen. Es ist ein wahnsinnig tolles Signal, wenn jetzt 15.000 Leute sich das Telefon vorbestellt haben, um SailfishOS weiter voran zubringen.
Um es klar zu formulieren, im letzten Jahr seit dem man das Jolla Phone angekündigt hatte, ist nach meinem Gefühl so viel am OS erneuert worden, wie sonst in 3 Jahren zuvor nicht. Ich kann aus Erfahrung sagen, dass das ein oder andere mal Features kamen, mit denen ich nicht rechnen konnte. Profitiert hatten alle Gerätegenerationen, die technisch dazu in der Lange waren: selbstverständlich und kostenfrei. Seitens Jolla zeigt die Kurve also nach oben und darauf kann ich eine Empfehlung aussprechen. Wer ein Jolla Phone kauft, sollte jedoch die Einschränkungen kennen, damit keine böse Überraschung droht.
Das OS als solches: ich mag es. Die Gestensteuerung ist effektiv und schnell eingängig. Die Möglichkeit ein Ambiente zu wählen und das ganze Telefon passt sein Aussehen darauf an, macht das Telefon zu einem eigenen Ausdruck der Persönlichkeit. Schnell können auch eigene Lieblingsfotos zu einem Ambiente gemacht werden und die Individualisierung so noch persönlicher einen Moment einfrieren.
Mehrere Aspekte für den Android AppSupport sind jetzt stark vereinfacht worden und machen direkt Spaß sie auf dem neuen Jolla Phone zu installieren. Direkt im Jolla Store können jetzt F-Droid, Aurora Store und MicroG ausgewählt und mit einem klick installiert werden. Um diese drei kommt man auch eigentlich nicht drum herum, wenn man das entgoogelte Android in seiner Sandkiste dazu bewegen möchte mittelkomplexe Android Programme oder Banking Apps zum Laufen zu bringen. Der Installationsweg war hier früher deutlich umständlicher.
Jolla baut seine Unternehmensentwicklung nicht auf Daten, Abos oder App Verkäufe auf, daher ist der klassische Unternehmensertrag mit dem Verkauf von Geräten so wichtig. Auch vorinstallierte Apps von Unternehmen gibt es hier nicht. Das Phone kommt fast komplett nackig, nicht einmal die hauseigene E-Mail, Kalender, Taschenrechner oder Notizen-App sind vorinstalliert. Der Jolla Store ist die erste Anlaufstation. Der Begriff „Store“ führt aber insofern in die Irre, dass hier keine Kaufapps angeboten werden. Was für Appentwickler zum Problem werden könnte, ist im ersten Moment erstmal eine bunte Spielwiese an Apps, die man sich einfach anschauen kann, ob sie für einen wichtig sein könnten. Alle Apps, die hier präsent sind, sind in ihren Rechten sehr beschränkt, dass es eine Reihe von Apps gibt, die für eine produktive Nutzung des Telefons dann aber aus anderer Quelle bezogen werden müssen. Dazu könnt ihr aber auch woanders lesen. Wichtig ist, das Telefon ist in diesem Sinne im Auslieferungsstatus nicht bewertbar. Solltet ihr in nächster Zeit Bewertungen lesen, wo dies getan wird, könnt ihr das gekonnt ignorieren, weil man es einfach aus dem Store nach installiert.
Konzentrieren wir uns darauf, wie sich das neue Phone macht. Und ich muss sagen, ich bin angetan. Das Telefon reagiert deutlich schneller als bisher. Auch bin ich noch nicht in Arbeitsspeicher Probleme gelaufen (12 GB RAM Version). Das möchte ich aber noch weiter beobachten. Bisher habe ich einen Androidbrowser verwendet. Das habe ich hier noch nicht begonnen, also müssen nicht die 100 geöffneten Tabs verwaltet werden. Die Arbeitsspeicherauslastung sagt bei mir bei aktivierter AndroidApp Unterstützung 6,5 GB frei. Das ist für mich schon ein Indiz, dass sich der Aufpreis, den man aktuell für die 12 GB RAM bezahlen muss, lohnen könnte. 8 GB werden zwar ganz sicher reichen alles machen zu können. Wenn sich jedoch mehr aufstaut, insbesondere mehr Android Apps gleichzeitig arbeiten, können 8 GB tatsächlich volllaufen und dann beginnt das Arbeitsspeicher Management Hintergrundprozesse zu killen, die die Funktion zumindest einschränken können. Bei aktuell 749€ für das große Paket kann ich aber auch verstehen, wenn man hier schwer schlucken muss. Da lässt es sich als Batch 1 Nutzer mit 499€ Kaufpreis so ganz locker sagen: Nimm das große Paket. Die Preise für Ram sind einfach durch die KI Schwemme absurd hoch geworden.
Ich kann im Vergleich mit Xperia 10III (6 GB RAM) jedenfalls feststellen, dass ich am neuen Jolla Phone die volle Multitasking Erfahrung habe. Am alten Phone kam immer irgendwann der Punkt bei dem bei Appwechsel, die vom Arbeitsspeichermanagement geschlossene App wieder nachgeladen werden musste und somit Wartezeiten auftraten. Oft half nur noch der Neustart.
Schütze ich mein Smartphone?
Ich verwende meine Gegenstände in der Regel, daher bin ich eigentlich grundsätzlich ohne Schutzfolie und Hülle unterwegs. Die Sony Xperia 10 Reihe hat mich aber zur Verzweiflung getrieben. Die Glasrückseite war so glatt, dass das Phone regelmäßig vom Tisch, vom Sofa oder von was anderem auf den Boden donnerte. Zwei Handy Reparaturen später war klar ohne Handyschutzhülle geht nicht. Was für eine Scheußlichkeit. Aber effektiv. Beim Bestellen des Jolla Phone war auch die Frage Handyschutzhülle mitbestellen? Schutzfolie mitbestellen? Für mich soll es erstmal ohne Schutz sein. Kann sein, dass ich das bereue. Glücklicherweise ist die originale Rückschale nicht ansatzweise so rutschig wie das Sony Glas. Beim Display Schutz war überraschend für alle schon bei der Auslieferung eine Schutzfolie angebracht. Also eine reguläre Schutzfolie unter der Einwegschutzfolie. Wer die Schutzfolie bestellte, hat nun eine in Ersatz. Ich hab eine Entscheidung mehr zu treffen. Abmachen?
Der Bildschirm
Solide Mittelklasse war die angestrebte Qualität und mein ungeschultes Auge würde das auch als geliefert bezeichnen. Eine Schwäche habe ich bei sich bewegendem weißen Text auf dunklem Grund. Der Text wird in der Bewegung unscharf flackerig. Ich nehme an, dass das den Grenzbereich der Bildwiederholfrequenz bildet und der Bildschirm nicht in erster Linie was dafür kann. Sobald der Text still steht. Da kann ich mit Leben. Mindestens der Displayschutz neigt aber ziemlich zu fettschlieren. Dieses vermaledeite Ding. Runter mit dem Schrott. Gorilla Glass, das musst du jetzt richten!!!
Ohne Displayschutz noch mehr Brillianz und ein reguläres Fettverhalten würde ich sagen. Für mich absolut die richtige Entscheidung!
Der Akku?
Oh ja der Akku hält im Gegensatz zum Sonygerät vorab fantastisch. Um 6 Uhr ging das Telefon heute vom Ladegerät. Voreingestellt ist ein Ladelimit von 80%. Seit dem mache ich Photos, Videos, surfe und schreibe diesen Post. Sicherlich 4,5 Stunden Screentime bisher. Der Akku hat noch 25% und damit netto 55% verbraucht. Diese Screentime würde ich an einem normalen Tag nicht erreichen. Das Sony wäre schon vor 2 Stunden in die Knie gegangen. Ich denke 1 Tag ist locker drin. Wer das Verhalten vom Phone im Griff hat, wird auch mit 2 Tagen gut klar kommen.
Wenn der Akku mal nicht mehr so mitspielt, kann er leicht ersetzt werden. Die Demontage ist noch am Day1 auf iFixit gelandet. Auch ansonsten ist die Reparierbarkeit denke ich befriedigend bis gut. Als Ersatzteil konnte man an Day1 auch direkt Ersatzkameraschutzgläser kaufen. Durch die hervorstehende Kamera wohl absehbar ein Schwachpunkt. Wenn man das Telefon ablegt, dann immer auf die Kameragläser die entsprechend verkratzen können. Für einen regelmäßigen Ablagepunkt in der Wohnung liegt dem Telefon auch ein magnetischer Formträger bei, mit dem ein aufliegen der Linsengläser verhindert werden kann. Der ist natürlich aber nicht überall dabei. Abgesehen von dem dicken Minuspunkt in dieser Hinsicht zeichnet sich aber schon hier ab, dass die Ersatzteilversorgung tendenziell wirklich gut sein könnte. Schließlich baut Jolla die Telefone selbst in Finnland zusammen und hält die Ersatzteile daher auch einzeln direkt im eigenen Land vorrätig. Diese könnten entsprechend schnell versendet werden.
Zusammenfassen möchte ich damit, dass das was mich am aktuellen Jolla Phone begeistert, vor allem das von ihm ausgehende Aufbruchsignal ist. Die Hardware ist gut zusammengestellt, dass das Phone noch viele Jahre, mit guter Performance wird mithalten können. Jolla hat bewiesen, dass Produktlebensdauern bei ihnen nur von der Hardware Seite begrenzt werden und 10+ Jahre generell möglich sind und dann auch selbstverständlich bedient werden. Das Phone in The Orange oder custommade mit individueller anderer Hälfte: Es muss auffallen! Und das wird es auch! Es trägt eine Botschaft hinaus, dass wir unsere Daten nicht alle durch die Welt schicken sollten. Das ist manchmal umständlich. Es ist aber auch ein Projekt, für das sich Lösungen finden lassen. Ein Statement ist es aber auch wenn der Staatschutz klingelt und eine Hausdurchsuchung wegen einer vermeindlichen Merz Beleidigung durchzuführen. Die LKA Behörden haben für viel Geld Tools gekauft, um gesperrte iPhones und Androids auslesbar zu machen. Haben Sie schon ein Tool für Sailfish OS? Zum aktuellen Zeitpunkt glaube ich aufgrund der geringen Zahlen wohl nicht.
PS: Ein paar Tage später als dieser Text enstanden ist, kann ich wirklich sagen, dass mir die Performance des Jolla Phone mich wirklich immer mehr umhaut. Es sind soviele Punkte an dem das Telefon Krücken die einen Jahrelang begleiteten einfach mit Bravour abräumt. Das GPS Signal annähernd sofort vorhanden, auch im fahrenden Zug. Das 5G Signal stabil nutzbar. Das Mikrofon erkennt mit der Vogelbstimmung-App jetzt genauso zuverlässig den Vogelgesang, wie das iPhone nebendran liegend. Es fühlt sich tatsächlich so an, dass Jolla dem Ziel SailfishOS ein Performance Handy zu schenken erfolgreich umsetzen konnte. Ich hoffe die Auslieferung startet jetzt schnell, dass diese Begeisterung noch mehr Leute teilen können!
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